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31.10.2008, 13:24:39
Tilidin – die Amok-Droge, die den Killer in dir weckt?


img/body_n_beauty/Drogen_250.jpgEs „enthemmt“  und macht angstfrei, schreibt der Tagesspiegel; es „lässt Jugendliche durchdrehen“, behaupten im Chor Spiegel Online und Bild.de, und der Berliner Kurier weiß es sogar ganz genau: Immer mehr Kinder werden dadurch zu „willenlosen Seelen-Monstern“ und „hirnlosen Kampfmaschinen“. Die Rede ist von Tilidin, einem starken Schmerzmittel, das zur Gruppe der opiatartigen Substanzen, den sogenannten Opioiden, gehört und als Alleinwirkstoff (Monopräparat) unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. In Deutschland darf Tilidin seit Jahren nur als Kombinationspräparat mit Naloxon angewendet werden; das ist eine Substanz, die die opiatartigen Wirkungen von Tilidin sozusagen ausbremst oder blockiert. Damit wird bezweckt, dass Tilidin-Präparate wie zum Beispiel Valoron N, die körperlich abhängig machen können und selbstverständlich alle verschreibungspflichtig sind, als Ersatzstoffe zum Beispiel für Heroinkonsumenten nicht mehr interessant sind: Sich Valoron N zu spritzen, bringt keinen Kick.

Die „Berserker-Droge“
Trotzdem geistert Tilidin seit einiger Zeit wahlweise als Amok-, Wahnsinns-, Berserker-, Killer- oder Zombie-Droge durch die Medien. Angeblich bringen sich immer mehr Jugendliche mit Tilidin mächtig in Fahrt, um bei Schlägereien mutiger  und weniger schmerzempfindlich zu sein. Vor allem gewaltbereite Migrantenkids sollen sich regelmäßig mit Tilidin aufputschen, bevor sie Läden ausrauben, Leute verprügeln oder Omas die Handtasche wegreißen. Deswegen, so die Forderung, gehörten auch die bisher lediglich verschreibungspflichtigen Tilidin-Kombipräparate wie Valoron N schnellstens unter das strenge Betäubungsmittelgesetz gestellt.

Erhebliche Gefahr durch Missbrauch
Etliche Suchtberater und Streetworker sehen das allerdings anders. Straßensozialarbeiter Jürgen Schaffranek von der Berliner Einrichtung Gangway e.V. zum Beispiel hält wenig von einer Verschärfung der Rechtslage; das wäre seiner Meinung nach überhaupt nicht abschreckend, denn die Szene würde es ja ohnehin nicht interessieren, ob der Stoff legal sei oder nicht. Ihm ist vielmehr daran gelegen, die Kids möglichst sachlich und unaufgeregt über die Risiken von Tilidin zu informieren und so den Anreiz zum Konsum zu nehmen.
„Die meisten Jugendlichen unterschätzen die Gefahr“, unterstreicht Schaffranek. „Die denken, Tilidin ist cool, macht high und man kann super vögeln.“ Dagegen werde das Suchtpotenzial meist völlig vernachlässigt; die wenigsten machten sich klar, dass der Entzug mindestens ebenso hart sei wie bei der Heroinabhängigkeit. Auf der Gangway-Website wird daher auch mit einigen besonders häufig kursierenden, verheißungsvollen Gerüchten über die vermeintlich so  irre geilen Eigenschaften von Tilidin gründlich aufgeräumt.
Wie hoch ist aber nun nach Einschätzung von Fachleuten das Potenzial auf Tilidin, wie behauptet wird, zur hemmungslosen Kampfmaschine zu mutieren? – Begrenzt, meint zum Beispiel die Psychologin Mechthild Beitlich, die bei der Suchtberatungseinrichtung Confamilia arbeitet; ihrer Einschätzung nach bringe Tilidin niemanden einfach nur so zum Durchticken. Dass Tilidin gefährlich mache, hält Streetworker Schaffranek gar für „Quatsch“ – schlimmstenfalls könne es vorhandene Aggressionen verstärken, aber mehr auch nicht. Viel gefährlicher sei, was sich der Konsument durch den Tilidinmissbrauch selbst zufüge (siehe auch Info-Box „Nebenwirkungen und Risiken“).

Mehr Infos gibt’s hier:


http://www.gangway.de/gangway.asp?cat1id=1795&cat2id=1852&cat3id=1860&DocID=2222&client=gangway
Hier gehen die Streetworker der Berliner Einrichtung Gangway den am häufigsten in der Szene kursierenden Tilidin-Gerüchten auf den Grund

http://www.land-der-traeume.de/langzeit_lesen.php?id=173
Der reichlich abturnende Bericht eines 28-Jährigen nach 4 Jahren Tilidin-Abhängigkeit

http://www.netdoktor.de/medikamente/100008694.htm
So wirkt Tilidin


Tilidin – Nebenwirkungen und Risiken
•    Dauerkonsum macht opiatabhängig; der Entzug ist hart und beschwerlich.
•    Tilidin beeinträchtigt das Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen.
•    Fortgesetzter Gebrauch kann zu Schlafstörungen und Depressionen führen.
•    Tilidinkonsum macht fahruntüchtig, vermindert den Appetit und führt nach langem Gebrauch zum Muskelabbau.
•    Tilidinkonsum kann Krampfanfälle mit Zittern und Muskelkrämpfen hervorrufen.
Quelle: Gangway e. V.